Lebendige Religionen PDF

Religionskritik – Nägel zum Sarg Gottes? Ludwig Feuerbach dachte, er hätte Gott endgültig widerlegt. Karl Marx und Sigmund Freud bauten ebenfalls darauf. Lebendige Religionen PDF Friedrich Nietzsche war sogar davon überzeugt, dass er Gott getötet habe.


Författare: Peter Stiegnitz.
Religionen sind selten sympathisch; vor allem nicht die der anderen. Auch die eigene Religion kennen viele Menschen kaum. Und das ist schade, weil die Weltpolitik heute ohne das Thema "Religion" nicht mehr existieren kann.
Das grundlegende Missverständnis, warum die Religionen oberflächlich-negativ beurteilt werden, liegt in der unzulässigen Vermengung von Glauben, Religion und Konfession:
* Unter "Glauben" verstehen wir eine feste Überzeugung jenseits empirischer Wahrnehmungen.
* Die "Religion" bietet einen individuell vorgezeichneten Rahmen, der nicht von außen gelenkt wird.
* Die "Konfessionen" sind politisch-theologisch festgelegte kollektive Aussagen.
Wir müssen uns auch im "Wohlstands-Europa" mit den Fragen der Religionen beschäftigen; dabei entdecken wir die "Zeichen der Zeit". Genau diese Renaissance des Glaubens erleben wir heute als die lebendigen Religionen.

Es gibt eine gute Nachricht: Alle vier haben sich getäuscht. Zumindest im Religionsunterricht der Oberstufe gehören Feuerbach, Marx und Freud zu den Klassikern der Religionskritik. Aber auch darüber hinaus sind zumindest ihre Theorien bekannt und verbreitet. Die Religion, wenigstens die christliche, ist das Verhalten des Menschen zu sich selbst, oder richtiger: zu seinem Wesen, aber das Verhalten zu seinem Wesen als zu einem anderen Wesen. Das göttliche Wesen ist nichts anderes als das menschliche Wesen, oder besser: das Wesen des Menschen, abgesondert von den Schranken des individuellen, d. Die Religion ist die Entzweiung des Menschen mit sich selbst: Er setzt sich Gott als ein ihm entgegengesetztes Wesen gegenüber.

Gott ist nicht, was der Mensch ist – der Mensch nicht, was Gott ist. Gegenstand dieses Abhängigkeitsgefühles, das, wovon der Mensch abhängig ist und abhängig sich fühlt, ist aber ursprünglich nichts anderes, als die Natur. Die Natur ist der erste, ursprüngliche Gegenstand der Religion, wie die Geschichte aller Religionen und Völker sattsam beweist. Der Mensch glaubt Götter nicht nur, weil er Phantasie und Gefühl hat. Wesen, weil er selbst nicht zu sterben wünscht.

Unser Verhältnis zur Religion ist kein nur verneinendes. Wahre vom Falschen – obgleich allerdings die von der Falschheit ausgeschiedene Wahrheit immer eine neue, von der alten wesentlich unterschiedene Wahrheit ist. Die Religion ist das erste Selbstbewusstsein des Menschen. Heilig sind die Religionen, eben weil sie die Überlieferungen des ersten Bewusstsein sind. Mit anderen Worten: Der Mensch leidet daran, das er nicht das ist, was er gerne wäre – deshalb erfindet er Gott.