Ich bin so frei! PDF

In Platons Apologie thematisiert Sokrates an fünf Stellen ausdrücklich sein Nichtwissen oder seinen Mangel an Weisheit. Er behauptet aber nicht, wie Ciceros ungenaue lateinische Wiedergabe seiner Auffassung annehmen lässt, dass die Kenntnis seiner eigenen Unwissenheit ein echtes, gesichertes Wissen sei und damit die einzige Ausnahme von der Unwissenheit darstelle. Das wichtigste Orakel im antiken Griechenland war Apollon geweiht, dem Gott ich bin so frei! PDF Lichts.


Författare: Andreas Klein.
Seit einigen Jahren ist die Debatte darüber, ob Menschen prinzipiell einen freien Willen haben oder nicht, auch im deutschsprachigen Raum neu entflammt. Dieser Umstand liegt nicht zuletzt daran, dass sich insbesondere durch die neuen und rasant voranschreitenden Einsichten in die Funktionsweise des menschlichen Gehirns durch die Neurowissenschaften neue Herausforderungen und Problematisierungen ergeben haben. Die Diskussion um Willensfreiheit sieht sich damit mit Einwänden konfrontiert, die auch Folgewirkungen für die gesellschaftliche, politische und juristische Zuschreibung von Verantwortlichkeit betreffen. Eine entsprechende Auseinandersetzung ist daher nötig. In der englischsprachigen Philosophie und Theologie wird diesem Thema in den letzten Jahrzehnten eine hohe Aufmerksamkeit und eine intensive Diskussion entgegengebracht. Dabei besteht eine zentrale Fragestellung darin, ob Willensfreiheit und Determinismus miteinander vereinbar sein können oder nicht. Diese ausgedehnte Diskussion wird in diesem Buch ebenso dargestellt. Die Frage nach der menschlichen Willensfreiheit muss demzufolge in unterschiedlichen Kontexten geführt und erörtert werden. Dies hat auch für die christlichtheologische Urteilsbildung Relevanz, da es nicht möglich ist, die theologische Frage nach dem freien Willen abgelöst von philosophischen und naturwissenschaftlichen Perspektiven zu bedenken. Dabei wird von der Kontroverse zwischen Erasmus von Rotterdam und Luther ausgegangen, da hier die Diskussion in pointierter Weise geführt wurde, und in sie hinein werden aktuelle Überlegungen eingearbeitet. Andreas Klein bündelt die unterschiedlichen Theorien auch in theologischer Hinsicht und zeigt Perspektiven für die Diskussion auf.

Die Vorgeschichte stellt Sokrates nach Platons Version seiner Verteidigungsrede so dar: Sein Freund Chairephon habe die Kühnheit besessen, das Orakel von Delphi zu fragen, ob jemand weiser sei als Sokrates. Darauf habe die Pythia, die weissagende Priesterin, geantwortet, dies sei nicht der Fall. Verglichen mit diesem Menschen bin ich doch weiser. Mit seiner Aussage behauptet Sokrates also nicht, dass er nichts wisse. Vielmehr hinterfragt er das, was man zu wissen meint.

Denn dieses vermeintliche Wissen ist nur ein beweisloses Für-selbstverständlich-Halten, das sich bei näherer Untersuchung als unhaltbares Scheinwissen entpuppt. Ein sicheres Wissen findet man bei den Menschen grundsätzlich nicht, deshalb kann man von seinen Ansichten nur vorläufig überzeugt sein. Und ein Scheinwissen ist auf allem bereitet. Trügerischer Schein in der Außenwelt und falsches Meinen der Menschen entsprechen sich.

Das Meinen nimmt den Schein auf. Das Wissen des Sokrates um sein Nichtwissen wird von ihm negativ ausgedrückt. Es ist nicht eindeutig, weil zuerst von Wissen im Sinne von Gewissheit oder Bewusstsein überhaupt gesprochen wird, dann im intentionalen Sinn als Bewusstsein von etwas, hier des denkenden Ich. Wie im Skeptizismus unterscheidet Sokrates zwischen Wahrheit und Gewissheit, die Wahrheit wird zuletzt der Gewissheit untergeordnet. Sokrates, der merkwürdige Mann, der Fremde, der Befremdliche, der Sonderling. Sokrates, der Auffällige, der Störenfried, der Asoziale.

Sokrates, die unangepaßte, die paradoxe, die absurde Existenz. Sokrates ist das Urbild des Philosophen. Wenn das wahr ist, dann ist Philosophie etwas höchst Befremdliches. Die besondere Weisheit des Sokrates besteht in der ständigen Bereitschaft, die erkenntnistheoretischen und logischen Grundlagen des menschlichen Wissens über die Tugenden und das Gute zu überprüfen.